Wahrnehmung
31. Januar 2026
Brigitte Grawe

Kunst & Wahrnehmung

Sinnlichkeit & Wissenschaft

Das Thema Kunst, insbesondere Kunstwahrnehmung kann man mit philosophischem Auge betrachten, aber auch neurowissenschaftlich verstehen und erforschen. Diesen Kontext finde ich unglaublich spannend.

Er bildet daher die zugrunde liegende, unerlässliche  Schnittstelle zwischen Kunst & Wissenschaft meiner künstlerischen Arbeit und eröffnete mir eine neue (Kunst)Welt.

Unter dem Begriff Wahrnehmung versteht man die Fähigkeit unseres Gehirns, Sinnesreize zu interpretieren. Dazu generiert es basierend auf allen ihm zur Verfügung stehenden Informationen fortlaufend ein Modell der Wirklichkeit.

Nach diesem Prinzip finden wir uns in unserer Umwelt wunderbar zurecht. Der komplexe Prozess der Wahrnehmung läuft in der Regel unterbewusst ab. Nur selten machen wir uns Gedanken darüber.

Man könnte es auch als Autopiloten unseres Gehirns bezeichnen.

Er steuert unsere Bewegungsabläufe genauso wie unser Denken. Da mich dieses Thema vor allem im künstlerischen Kontext interessiert, habe ich mich speziell der visuellen Wahrnehmung zugewandt.

Das naheliegendste Thema für eine Künstlerin wie mich! Um optische Täuschungen zu erschaffen, muss ich verstehen, wie genau sie funktioniert. Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir Kunst betrachten?

Was genau ist also visuelle Wahrnehmung?

Was wir sehen entsteht durch aktive biologische und neuronale Prozesse, mit denen unser Gehirn visuelle Reize aufnimmt, verarbeitet und interpretiert.  Unsere Augen liefern uns dafür fast 80 % aller Informationen aus der Umwelt.

Und doch sind sie dabei nur ein Teil des komplexen Systems unseren visuellen Wahrnehmung.

Genauer erforscht haben das unterschiedliche Disziplinen der Neurowissenschaften. Ihre Erkenntnisse über die Funktionen unseres Gehirns führten auch zu einer neuen Definition des Sehens. So bezeichnet Professor Semir Zeki* unser Sehen im Wesentlichen als eine Form des Denkens.

Durch Iris und Linse gelangen alle optischen Informationen in Form von Lichtreizen zunächst auf die Netzhaut.

Die Netzhaut ist ein Teil der Großhirnrinde und besteht aus insgesamt fünf Neuronenschichten. Und genau hier beginnt die neuronale Bildverarbeitung. Zunächst werden die eingehenden Lichtreize durch spezialisierte Sinneszellen nach Wichtigkeit sortiert, vorverarbeitet und in elektrische Impulse umgewandelt,

Über die etwa 800.000 Ganglienzellen  leitet der Sehnerv diese Signale aus dem Auge heraus nun zum eigentlichen ‚Erkennungsdienst‘ weiter; dem visuellen Cortex im Gehirn.

Die erste Station sind die sogenannten Kniekörper. Hier werden die eingehenden Impulse aufgeteilt nach Farbe, Form, Bewegungs- und Rauminformationen. Über Synapsen werden sie zur Sehrinde weitergeschickt, einem Teil des visuellen Cortex.

Dort werden die Eigenschaften analysiert und mit bereits gespeicherten Informationsmerkmalen abgeglichen. So kann der Prozess des Erkennens mit der Erinnerung verknüpft werden und ein vollständiges Bild zusammenfügen. Das alles geschieht blitzschnell und von uns unbemerkt.

Wir registrieren bewusst nur das Ergebnis; das ‚fertige Bild‘.

Ein ausgesprochen leistungsstarker Vorgang, der da abläuft, während wir beispielsweise entspannt ein Kunstwerk betrachten. Eine faszinierende, aber auch abstrakte Vorstellung. Kunst, egal ob aus der Perspektive des Schaffenden oder aus der des Betrachters gesehen, ist demnach nichts anderes als ein Wahrnehmungsprozess.

Während der Kunstschaffende Wahrnehmungsstrukturen wie Helligkeit, Farbe, Kontrast, Linien, Form & Gestalt, Bewegung & Räumlichkeit gestaltet, fällt dem Kunstbetrachter die Rolle des ’Empfängers‘ dieser Sinnesreize zu.

Doch wie zuverlässig ist eigentlich unsere Wahrnehmung?

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage, welchen Sinn und Zweck die visuelle Wahrnehmung eigentlich erfüllt. Dienen unsere Sinne dazu, die Welt möglichst objektiv abzubilden oder sind sie in erster Linie auf unser Überleben ausgerichtet?

In den Neurowissenschaften galt lange die Annahme, dass Wahrnehmung vor allem eine möglichst vollständige Abbildung der Realität leistet. Diese Sichtweise hat sich jedoch in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert.

Psychologen wie die Nobelpreisträger Daniel Kahnemann und Amos Tversky konnten zeigen, dass menschliche Wahrnehmung keineswegs neutral oder umfassend ist. Vielmehr arbeitet sie selektiv und folgt systematischen Mustern.

Inzwischen ist eine Vielzahl sogenannter kognitiver Verzerrungen bekannt.

Das sind systematische Denk- und Wahrnehmungsfehler, die entstehen, weil das Gehirn Informationen nicht neutral verarbeitet, sondern vereinfacht, auswählt und interpretiert. Eine der zentralen ist der Bestätigungsfehler; neue Informationen werden häufig so verarbeitet, dass sie bestehende Überzeugungen und Erwartungen stützen.

Lange blieb jedoch unklar, unter welchen Bedingungen solche Verzerrungen entstehen und an welcher Stelle des Wahrnehmungsprozesses sie einsetzen. Eine aktuelle Studie von Forschenden um Professor Todd Hare von der Universität Zürich und ETH-Professor Rafael Polania am Neuroscience Center liefert hierzu neue Erkenntnisse.

Die veröffentlichte Arbeit zeigt, dass das Gehirn visuelle Informationen bereits sehr früh beeinflusst – möglicherweise schon auf der Ebene der Netzhaut – wenn dies für eigene Interessen von Vorteil ist. Mit anderen Worten: Wahrnehmung kann unbewusst verzerrt werden, wenn es um Überleben, Wohlstand oder andere persönliche Ziele geht.

Sehen ist damit weniger ein neutrales Erfassen der Welt als vielmehr ein anpassungsfähiger, zweckorientierter Prozess.

Doch was bedeutet visuelle Wahrnehmung speziell in der Betrachtung von Kunst?

Darüber weiß man heute vor allem eines: Sie folgt denselben neuronalen und psychologischen Prinzipien wie jede andere visuelle Wahrnehmung, wird aber durch zusätzliche kognitive und emotionale Prozesse erweitert.

1. Kunst wird mit dem allgemeinen visuellen System verarbeitet

Es gibt kein spezielles „Kunstareal“ im Gehirn. Formen, Farben, Kontraste, Bewegung und räumliche Beziehungen werden in denselben visuellen Arealen verarbeitet wie Alltagsobjekte. Bereits sehr frühe Verarbeitungsstufen reagieren auf grundlegende formale Eigenschaften eines Bildes.

2. Wahrnehmung und Interpretation greifen ineinander

Beim Betrachten von Kunstwerken werden nicht nur sensorische Informationen verarbeitet, sondern auch Erwartungen, Erinnerungen und Vorwissen aktiviert. Titel, Kontext, kulturelle Einbettung und Wissen über Autor oder Epoche beeinflussen nachweislich, wie ein Werk wahrgenommen und bewertet wird.

3. Aufmerksamkeit spielt eine zentrale Rolle

Kunst lenkt Aufmerksamkeit gezielt. Auffällige Kontraste, Unregelmäßigkeiten oder Mehrdeutigkeiten binden den Blick und verlängern die Betrachtungsdauer. Je weniger eindeutig ein Werk ist, desto länger bleibt das visuelle System aktiv.

4. Emotionen sind integraler Bestandteil der Wahrnehmung

 Beim Betrachten von Kunst werden emotionale Netzwerke im Gehirn mitaktiviert. Diese beeinflussen nicht nur das subjektive Erleben, sondern auch die visuelle Verarbeitung selbst. Wahrnehmung und Gefühl lassen sich dabei nicht klar trennen. Interessant; schauen wir ein Bild an, findet innerhalb von 100 Millisekunden eine emotionale Bewertung der visuellen Daten im Stammhirn statt.

5. Ästhetisches Erleben ist individuell, aber nicht beliebig

Ob ein Kunstwerk als ansprechend, irritierend oder bedeutungsvoll empfunden wird, hängt von individuellen Erfahrungen, kulturellem Hintergrund und momentaner Stimmung ab. Gleichzeitig zeigen Studien, dass bestimmte formale Eigenschaften – etwa Symmetrie, Rhythmus oder Kontrast – bei vielen Menschen ähnliche Reaktionen hervorrufen.

6. Grenzen des Wissens

Trotz zahlreicher Studien kann die Forschung bislang nicht vollständig erklären, warum bestimmte Werke als besonders bedeutend oder ästhetisch wertvoll erlebt werden. Die Wahrnehmung von Kunst bleibt ein offener Prozess, in dem biologische Grundlagen und kulturelle Bedeutungen untrennbar miteinander verwoben sind.

Die visuelle Wahrnehmung von Kunst beruht auf allgemeinen Mechanismen des Sehens, wird jedoch durch Aufmerksamkeit, Emotion, Erfahrung und Kontext erweitert. Kunst macht sichtbar, dass Wahrnehmung kein rein objektiver Vorgang ist, sondern ein aktiver und interpretierender Prozess.

So weit so gut, könnte man denken.

Was aber, wenn das betrachtete Bild nicht den gängigen abgespeicherten Informationsmerkmalen entspricht? Denn gerade Kunst hält sich ja nicht unbedingt an die Abbildung von Realität. So ist beispielsweise Op-art eine Kunstform, die den Betrachter auffordert, traditionelle Sehmuster aufzubrechen.

Widersprüchliche Hinweisreize wie z.B. die Perspektiven auf dem Bild links leiten das Gehirn in die Irre. Was also passiert, wenn wir keine, oder nur unzureichende Erfahrungen mit bestimmten Sinneseindrücken haben? Näheres dazu können Sie im Bereich Op-Art erfahren.

Gut gefällt mir folgende These des Psychologen Richard Letto zur Wahrnehmung abstrakter Kunst.

Er geht davon aus, dass sie den Betrachter, aufgrund eines speziellen Mechanismus im Gehirn, mit guten Gefühlen belohne. Ausgelöst werde dies seiner Meinung nach, weil die abstrakten Linien, Formen und Flächen einen starken Stimulus für die Sehnerven darstellen. Dieser Vorgang aktiviert anscheinend das Belohnungszentrum, welches daraufhin Dopamin ausschüttet.

Gibt es Wahrnehmungsunterschiede zwischen Mann  & Frau?

Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich sowie der Universität Düsseldorf und der RWTH Aachen fanden heraus, dass die Sehzentren von Mann und Frau Unterschiede aufweisen.

Dies führt wahrscheinlich zu verschiedenen Strategien der Geschlechter bei der Orientierung. Bei der mikroskopischen Untersuchung fanden die Wissenschaftler Unterschiede in den Arealen, die für das Erkennen von Bewegungen zuständig sind.

Manche Bereiche waren bei Frauen, manche bei Männern größer.

Karin Amunts** erklärte dazu: „Ein größeres Volumen könnte dem Gehirn mehr Raum geben, um an dieser Stelle zusätzliche Informationen zu verarbeiten und sich Bewegung räumlich vorzustellen.

Dies müsse jedoch nicht bedeuten, dass Männer etwas besser können als Frauen oder umgekehrt. Sie weisen eher darauf hin, dass sie unterschiedliche Strategien haben, um zum Ziel zu kommen, also verschiedene Vernetzungen im Gehirn nutzen“.

Frauen betrachten Kunst anders als Männer

Zum diesem Ergebnis kam eine Forschergruppe der Universität Palma de Mallorca. Jeweils 10 Probanden sollten städtische und ländliche Szenerien als ‚schön, bzw. ‚nicht schön‘ einstufen.

Während die Männer dazu ausschließlich die rechte Hemisphäre nutzten, waren bei Frauen beide Gehirnhälften aktiviert.

Die Studie mit Hilfe eines Magnetenzephalographen ergab, dass davon die Bewertung im Gehirn und nicht die unmittelbare Wahrnehmung betroffen war.

Das passt, denn Neurowissenschaften gehen schon länger davon aus, dass auch die Einteilung räumlicher Beziehungen Geschlechterunterschiede aufweist. So nehmen Frauen eher eine kategorische Aufteilung nach vorne, hinten, oben, unten, innen und außen vor, was eher in der linken Hirnhälfte geschieht.

Während Männer exakte Distanzen zwischen den betrachteten Objekten wie in einem Koordinatensystem abspeichern, für das wiederum vorrangig die rechte Hemisphäre zuständig ist.

Sinnlichkeit

Und was hat es nun mit der Sinnlichkeit auf sich? Wenn Sie auch das interessiert, lesen Sie bitte hier weiter: Sinnlichkeit & Kunst.

 

*Semir Zeki: engl. Neurobiologe, mit Forschungsschwerpunkten im Bereich Visuelles System, der visuellen Wahrnehmung durch das Gehirn, sowie den neurobiologischen Grundlagen für Kunst und Ästhetik, Prof. für Hirnforschung am Univ. College London

**Univ.-Prof. Dr. med. Katrin Amunts,  Professorin für Hirnforschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Direktorin des Cécile und Oskar Vogt-Instituts für Hirnforschung des Universitätsklinikums Düsseldorf. Seit 2008 ist sie außerdem Direktorin des Instituts für Neurowissenschaften und Medizin (INM-1) am Forschungszentrum Jülich.

 

 
Literatur- u. Linkliste