Visuelles Dilemma im kreativen Gehirn?

03.02.2025

 

Während der Betrachter mein Bild ansieht versucht sein Gehirn, Ordnung in die Formen zu bringen und eine klare Interpretation zu finden. Doch das ist nicht so einfach wie es auf den ersten Blick scheint.

Das Gehirn kann zu visuellen Täuschungen kein eindeutiges Bild erzeugen. Es entsteht Verwirrung und ein echtes Dilemma. Und das will was heißen; das Gehirn die komplexeste bekannte Struktur nach aktuellem Wissensstand im gesamten Universum.

Der spielerische Anfang

Für mich ist die Situation ganz anders. Mein Gehirn arbeitet nicht gegen die Täuschung – es konstruiert sie aktiv. Ich beginne mit einem eignene Foto, das mir vertraut ist, und transformiere es spielerisch mit meinen digitalen Werkzeugen, die ich über ein Grafiktablett steuere.

Dabei analysiere ich, wie Strukturen, Kontraste, Linien, Farben und Formen reagieren, ohne dass ich zunächst ein konkretes Ziel verfolge. Ich beobachte, wie mein eigenes Sehen auf die Veränderungen reagiert. Mein Gehirn bleibt offen und hält mehrere mögliche Interpretationen gleichzeitig aus.

Wendepunkt

Irgendwann zeigt sich ein klarer Moment. Ich erkenne, ob sich das Bild eher abstrakt entwickeln wird oder das Potenzial für eine optische Täuschung besitzt. Ab hier verändert sich mein Arbeitsmodus. Ich arbeite jetzt bewusst darauf hin.

Dabei spielt vor allem mein Wissen um die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse eine große Rolle.  Ich wende Regeln aus der Wahrnehmungspsychologie und speziell der Neurobioloogie, bzw. Neuroästhetik an, um die Wahrnehmung mit dem fertigen Bild gezielt zu irritieren.

Ich recherchiere und lese sehr viel, um mich dazu auf dem Laufenden zu halten. Und das ist alles andere als langweilig – im Gegenteil! Schon die Recherche nach neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen ist so inspirierend.

Ich durchforsche Fachdatenbanken, lese Fachzeitschriften und populärwissenschaftliche Quellen. Glücklicherweise gibt es Dank der Neuroästhetik viele Veröffentlchungen aus denen ich schöpfen kann.

Experimentelles Arbeiten

In meinem künstlerischen Schaffensprozess möchte ich mehr, als ’nur‘ ein neues Bild  generieren. Ich arbeite experimentell, um mich über bekannte Wahrnehmungsregeln und Effekte hinaus zu bewegen.

Ich teste, überprüfe und stelle bisherige Annahmen immer wieder infrage. Ich suche nach neuen, bislang unbekannten Möglichkeiten, Wahrnehmung zu irritieren.Mein Gehirn funktioniert dabei wie ein Labor: beobachten, verändern, vergleichen, verwerfen.

Einmal ist mir das bereits gelungen. Ich habe 2014 ein neues Hermanngitter entwickelt, bei dem der springende Punkt nicht in Kreuzungspunkten eines gradlinigen Gitters erscheint. Hier sind sie innerhalb regelmäßig angeordneter, weißer Punkte auf schwarzem Hintergrund zu sehen:

Stabil bleiben im Widerspruch

Während das Bild selbst immer widersprüchlicher wird, bleibt mein eigenes Sehen stabil. Ich erlebe die Spannungen und Mehrdeutigkeiten, ohne selbst in die Täuschung hineingezogen zu werden. Mein Gehirn ist nicht Opfer der Illusion – es ist ihr Architekt.

Ich verschiebe Elemente, formeLinien und Kanten, verändere Farben und Kontraste, erschaffe Raum, Perspektiven und Muster.  Ich prüfe Wirkungen, ohne den Überblick zu verlieren.

Ein Tanz zwischen Kontrolle und Zufall

ch probiere aus, lasse mich treiben, beobachte, wie sich visuelle Beziehungen verschieben. Linien, Flächen und Räume beginnen miteinander zu reagieren. Ich habe eine wichtige Regel; in meinen bildern sind immer mehrere visuelle Illusionen zu sehen.

Das macht nicht nur das Kunstwerk interessanter, sondern auch meine Arbeit daran herausfordernder. Mein Gehirn arbeitet in mehreren Ebenen gleichzeitig.

Eine beobachtet, eine konstruiert, eine denkt den späteren Betrachter mit. Das ist ein unglaublich erfüllender Prozess.

Zwischen innerem Prozess und äußerem Erleben

Jedes Bild öffnet einen Raum zwischen Wahrnehmung, Erwartung und Realität. Der Betrachter erlebt die Illusion unmittelbar, oft ohne zu wissen, warum sie funktioniert. Mein eigenes Gehirn kennt jeden Schritt, jede Entscheidung, jedes kleine visuelle Experiment.

Darin liegt eine doppelte Faszination: Ich entwerfe etwas, das ich verstehe – und das andere erleben. Das Phänomen an sich ist für mich die Tatsache, dass ich Bilder erschaffen kann, die das menschliche Gehirn an seine visuelle

Ein offener Prozess

Die Arbeit an visuellen Illusionen ist für mich auch ein Training; Aufmerksamkeit, Geduld und Reflexion entwickeln sich stetig weiter. Es geht um das Gleichgewicht zwischen Stabilität und Instabilität, Kontrolle und Offenheit.

Mein Gehirn jongliert mit Wahrnehmungsmustern und Erwartungen und formt daraus Bilder. Für mich ist jedes Einzelne ein Experiment, ein Forschungsprojekt, eine Brücke zwischen meiner inneren Wahrnehmung und der Erfahrung anderer.

Und genau diese Differenz macht den künstlerischen Prozess für mich lebendig und auch angenehm aufregend. Kein Wunder, dass ich da regelmäßig in einen Flow gleite; das Beste was mir als Künstlerin passieren kann.

Am Ende bleibt für mich immer eine Frage offen: Was genau sieht der Betrachter? Denn das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Auch die Dauer des Begreifens, was da gerade passiert.

Optische Täuschungen spielen mit den Grenzen meiner eigenen Wahrnehmung, aber vor allem auch mit den Wahrnehmungsgrenzen des Betrachters. Sie demonstrieren auf unterhaltsame Weise wie unser Gehirn vergeblich versucht Ordnung in das Chaos zu bringen.

Gleichzeitig wird sichtbar, wie kreativ und adaptiv das Gehirn beim Verarbeiten von Sinneseindrücken ist.

Wenn auch Sie diese Thematik interessiert, finden Sie dazu mehr unter meinem Menüpunkt  „Art & Science“ oder stöbern Sie gerne in meinem Blog.