Kunst & KI – Gedanken zu einem noch offenen Kapitel
5. Juli 2026
Brigitte Grawe

In diesem Beitrag möchte ich meine Gedanken zum Thema Kunst & KI etwas tiefgreifender ausführen. Denn eigentlich ist es für mich als digital Artist sogar schon seit Jahren mein Ding. Meine Bilder entstehen unter Verwendung von Bildbearbeitungsprogrammen, die auch KI-gesteuert Werkzeuge enthalten.

Als ich vor 20 Jahren begann, als Digital Artist auszustellen, war die Skepsis der Besucher spürbar. Die Vorbehalte ähnelten sich:

  • Der Computer macht die Arbeit.
  • Das ist technisch, nicht künstlerisch.
  • Es fehlt die menschliche Handschrift.
  • Das kann ja jeder.
  • Das ist keine echte Kreativität.

Man sprach einer so entstandenen Kunst die Seele ab. Ich habe das als einzigartige, spannende Herausforderung angenommen – und als Chance,  Kunst ganz neu zu reflektieren. So entwickelten sich tiefgreifende philosophische Gespräche mit Besuchern, die mich sehr bereichert haben.

In diesen Dialogen konnte ich aber auch immer wieder deutlich machen: Kunst definiert sich stets neu – vor allem dann, wenn sie auf Veränderungen reagiert. Gesellschaftliche, technologische oder wissenschaftliche Entwicklungen hinterlassen ihre Spuren.

Besonders epochale Umbrüche zeigen sich schnell auch in der Kunst. Künstler spiegeln die Welt ihrer Zeit wider – und Kunst wird so, heute wie früher, zum Zeitzeugen. Dass auch das Computerzeitalter Neues nach sich zog, ist daher nur folgerichtig.

Das Eindringen des Computers in die Bereiche der Kunst ist ein folgenschweres Ereignis. […] Der Computer zwingt die Kunst gewissermaßen zu einem Sprung von der Steinzeit in das Computerzeitalter. — Herbert W. Franke

Computerkunst ist wohl eine der bezeichnendsten zeitgenössischen Kunstformen. In einer Zeit, in der Elektronik ins Zentrum unseres Lebens rückte, veränderte sich zwangsläufig auch unsere Kultur. Warum sollte diese Errungenschaft auch keinen Einzug in die Welt der Kunst halten? Es wäre beinahe wider die Natur würden Künstler, ein solches Medium zu ignorieren.

Die Entdeckung des Computers als künstlerisches Werkzeug begann bereits in den 1950er-Jahren. Mit der Entwicklung des Plotters nahm die Computerkunst ihren unaufhaltsamen Lauf. Das zeigt, wie schnell Künstler neue Entwicklungen aufgreifen.

Kein Wunder; uns leidenschaftlich Kreative treibt die Suche nach immer neuen Ausdrucksmöglichkeiten an. Künstlerische Freiheit bedeutet eben auch, dass Kunst nicht in traditionellen Prozessen gefangen bleiben muss. Im Gegenteil; sie geht mit der Zeit. Und so kommen wir logischerweise zum Thema Kunst & KI.

Fazit: Computer und Kunst sind kein Widerspruch.

Welche Auswirkungen hat diese Verbindung oder wird sie noch haben? Wie wird Kunst, die in welcher Form auch immer mithilfe von KI entsteht, bewertet? Vielleicht noch kritischer als damals die Computerkunst?

Es vollzieht sich bereits ein Prozess, der dem der Anfänge digitaler Kunst gleicht. Wieder blickt eine Gesellschaft auf das Verhältnis von Kunst und Maschine. Um dem auf den Grund zu gehen, lohnt es sich zunächst, die gesellschaftlichen Haltungen gegenüber KI zu betrachten, denn die sind vielschichtig und oft widersprüchlich.

Man kann sie grob als ein Spannungsfeld zwischen Faszination, Nutzenhoffnung und tiefen Unsicherheiten beschreiben. Es gibt nicht „die eine Haltung“ sondern stark unterschiedliche Perspektiven. Sie variieren je nach Land, Bildung, Beruf und persönlichen Erfahrungen mit KI-Systemen.

Dabei wird Künstliche Intelligenz nicht einfach als „neue Software“ wahrgenommen. Sie wird eher als gesellschaftliche Infrastrukturtechnologie gesehen, ähnlich wie Elektrizität oder das Internet. Nur dass KI  mit stärkerem Eingriff in kognitive und kreative Prozesse einhergeht.

Überträgt sich gesellschaftliche KI-Skepsis auch auf ästhetische Urteile?

Tatsächlich ist bekannt, dass sich allgemeine Vorbehalte gegenüber KI auf kreative Produkte übertragen. Wenn diese Technologie gesellschaftlich mit negativen Themen verknüpft wird, färbt das auch auf die Wahrnehmung von KI-Kunst ab.

Man bezeichnet das als klassischen Transfer von Technikbewertung auf Kulturbewertung, ein Phänomen, das so alt ist wie die Menschheit selbst. Technische Errungenschaften haben die Kultur immer schon beeinflusst. Umgekehrt haben kulturelle Muster die Entstehung, Verbreitung und Verwendung von Technik geprägt.

Wichtig ist aber: Es gibt auch den gegenteiligen Effekt.

Faszination und neue Ästhetik

Viele Menschen begegnen KI-Kunst mit Neugier, Staunen über neue visuelle Möglichkeiten und echtem Interesse an nicht-menschlichen Kreativformen. Dabei entsteht sogar eine neue ästhetische Kategorie: Kunst als Ergebnis von Mensch-Maschine-Kollaboration. In dieser Betrachtung wird nicht Authentizität gesucht, sondern Innovation.

Eine wesentliche Rolle spielt dabei meiner Meinung nach auch, dass nun eine neue Generation zu den Betrachtern gehört. Digital Natives schauen mit Sicherheit anders auf diese neue Welt der Kunst – und das begrüße ich sehr.

KI-Kunst ist in Institutionen längst angekommen

Ein Blick auf die Museumswelt zeigt das ganz klar. Die Frage, ob KI-Kunst überhaupt Kunst ist, hat sich dort offenbar bereits erledigt. Renommierte Häuser wie das Whitney Museum of American Art in New York, die Fondation Beyeler in Basel und das Centre Pompidou in Paris widmeten 2024 Künstlern, die mit KI arbeiten, eigene Ausstellungen.

Auch auf dem Kunstmarkt setzt KI-Kunst Zeichen: Bereits 2018 erzielte ein KI-generiertes Portrait bei Christie’s in London einen Erlös von über 400.000 US-Dollar. Das war ein Richtungszeichen, das weltweit für Diskussionen sorgte.

Auch institutionell wird die Auseinandersetzung mit dem thema Kunst & KI ernst genommen: Die Kulturstiftung des Bundes fördert bis 2028 mit knapp 3,7 Millionen Euro gezielt Projekte, die sich künstlerisch mit KI-Technologien auseinandersetzen und gleichzeitig deren gesellschaftliche Auswirkungen reflektieren.

Dabei geht es längst nicht mehr nur ums Ausstellen. Auch eine entsprechende Kennzeichnung mit KI generierter Kunst ist ein relevanter Aspekt. Eine landesweite Onlinebefragung im Jahr 2024 kam zu folgendem Ergebnis:

„Eine deutliche Mehrheit (83 %) der Kunstbetrachtenden spricht sich für eine allgemeine
Kennzeichnungspflicht bei Kunst aus, die mithilfe von KI erstellt wurde. Lediglich
4 % halten dies für nicht für notwendig.
Auch beim expliziten Umgang mit KI-Kunst in Galerien, Ausstellungen und Museen
sind 78 % dieser Meinung. Nur 7 % der Befragten sagen dagegen, dass KI-generierte
Kunst nicht anders ausgestellt werden sollte als von Menschen gemachte Werke.
Rund 9 % lehnen es grundsätzlich ab, KI-Kunst auszustellen.“

Die KI-Kunst-Debatte

Hier prallen kontroverse Positionen aufeinander. Interessanterweise hat sich der Schwerpunkt verschoben. Vor einigen Jahren lautete die Frage oft noch: Kann KI Kunst machen? Heute wird häufiger gefragt:

  • Unter welchen Bedingungen sollte KI trainiert werden?
  • Wie können Künstler fair beteiligt werden?
  • Wann sollte offengelegt werden, dass KI verwendet wurde?
  • Welche Rolle spielt menschliche Kreativität im Arbeitsprozess?
  • Wie verändert KI den Kunstmarkt?

Die Debatte insgesamt ist sehr kontrovers: Logisch, denn verschiedene Werte konkurrieren miteinander: künstlerische Freiheit, Innovation, wirtschaftliche Fairness, Urheberrechte und der Zugang zu kreativen Möglichkeiten. Diese Kriterien lassen sich nicht immer gleichzeitig maximieren. Ein Umstand, der unter Künstlern, Juristen, Technikentwicklern und Nutzern sehr unterschiedliche Auffassungen ergibt.

Insgesamt zeichnet sich ein gewisser Konsens ab: KI wird als dauerhaftes Werkzeug bleiben. Die eigentlichen Konflikte betreffen weniger die Existenz der Technologie als ihre Regulierung, Vergütung, Transparenz und die Auswirkungen auf kreative Berufe insgesamt.

Mein Fazit:

Die Wahrnehmung von Kunst und Künstlern wird sich im Bezug auf KI weiterentwickeln. Künstler, die KI in ihre Praxis integrieren, könnten sogar mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen – weil sie gesellschaftlich relevante Themen ansprechen und innovative Technologien nutzen.

Kunst wird sich immer an die neuen Möglichkeiten der Zeit anpassen. Und sei es auch noch so technisch; der Mensch hinter der Kunst wird sich als kreativer Innovator weiterhin behaupten.

 

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