Künstlerische Forschung – Wenn Kunst Wissen erzeugt
Lange galt Kunst vor allem als Ausdruck, Interpretation oder ästhetische Erfahrung. Forschung war traditionell den Wissenschaften vorbehalten. Doch dieses Verständnis hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert.
Heute existieren Professuren für künstlerische Forschung, Promotionsprogramme für Künstler:innen und internationale Forschungszentren an Kunsthochschulen. Was früher paradox klang, ist inzwischen ein etabliertes akademisches Feld.
Doch was genau ist künstlerische Forschung?
Künstlerische Forschung bezeichnet eine Form der Erkenntnisgewinnung, bei der die künstlerische Praxis selbst zur Forschungsmethode wird. Wissen entsteht hier nicht nur durch Analyse oder Theorie, sondern auch durch das künstlerische Arbeiten selbst. Entscheidend ist dabei, dass Kunst nicht bloß ein Forschungsthema illustriert, sondern selbst Erkenntnisse hervorbringt.
Eine Choreografin kann etwa untersuchen, wie Erinnerung im Körper gespeichert ist. Ein Soundkünstler erforscht urbane Geräuschlandschaften. Designer:innen experimentieren mit biologischen Materialien und entwickeln daraus neue ästhetische und ökologische Perspektiven. Der künstlerische Prozess wird dabei zum epistemischen Werkzeug.
Künstlerische Forschung bewegt sich zwischen Kunst, Theorie, Technologie und gesellschaftlicher Analyse. Sie arbeitet experimentell, interdisziplinär und reflexiv.
Warum gewinnt das Feld an Bedeutung?
Die zunehmende Bedeutung künstlerischer Forschung hängt eng mit einem Wandel des Wissenschaftsverständnisses zusammen. Im 20. Jahrhundert dominierte lange ein eher positivistisches Modell von Wissenschaft: Gültig war vor allem, was messbar, reproduzierbar und eindeutig formulierbar war.
Seit den 1980er und 1990er Jahren geriet dieses Verständnis jedoch zunehmend unter Kritik. Theoretiker und Philosophen wie die Wissenschaftsphilosophin Donna J. Haraway und machten darauf aufmerksam, dass Wissen niemals vollständig neutral ist. Erkenntnis ist immer auch situiert, verkörpert und von Perspektiven geprägt.
Daurch öffnete sich der Blick für andere Formen des Wissens: Implizites Wissen, körperliches Wissen, sinnliche Erfahrung, performative Erkenntnis und materielle sowie ästhetische Prozesse.
Genau hier setzt künstlerische Forschung an. Sie behauptet nicht unbedingt, dieselbe Art von Wissen wie Naturwissenschaften zu erzeugen. Stattdessen geht es häufig darum, neue Perspektiven sichtbar zu machen, Erfahrungsräume zu öffnen oder Fragestellungen hervorzubringen, die sich mit klassischen wissenschaftlichen Methoden allein kaum erfassen lassen.
Die Institutionalisierung der künstlerischen Forschung
Ein wichtiger Auslöser war der Bologna-Prozess. Kunsthochschulen mussten ihre Studiengänge stärker an internationale Hochschulstandards anpassen und zugleich begründen, weshalb ihre Arbeit als Forschung gelten kann. Dadurch entstanden:
- Promotionsprogramme für Künstler:innen,
- Forschungsinstitute,
- Fachjournale,
- Förderprogramme,
- Graduiertenkollegs,
- und schließlich Professuren für künstlerische Forschung.
Heute gibt es entsprechende Lehrstühle und Forschungszentren unter anderem an der Universität der Künste Berlin, der Zürcher Hochschule der Künste, der Kunstuniversität Linz oder dem Royal College of Art in London.
In vielen Ländern ist künstlerische Forschung inzwischen fest Bestandteil akademischer Förderstrukturen geworden.
Einfluss auf klassische Wissenschaften
Interessant ist dabei, dass künstlerische Forschung nicht nur Kunsthochschulen verändert, sondern zunehmend auch klassische Wissenschaftsbereiche beeinflusst.
In der Medizin werden performative und gestalterische Methoden genutzt, um Patientenerfahrungen besser zu verstehen. Informatik und Human-Computer-Interaction arbeiten mit speculative design und kritischen Prototypen. Architektur verbindet Entwurf und Forschung immer enger. Auch Anthropologie, Medienwissenschaft oder Sozialforschung integrieren audiovisuelle und performative Verfahren.
Damit verschiebt sich die traditionelle Grenze zwischen Wissenschaft und Praxis.
Kritik und offene Fragen
Diese Entwicklung bleibt allerdings umstritten. Kritiker befürchten teilweise eine Verwissenschaftlichung der Kunst. Sie werde gezwungen, sich an Förderlogiken, Methodendiskursen und akademischen Kriterien auszurichten. Andere werfen der künstlerischen Forschung mangelnde methodische Klarheit vor.
Befürworter sehen dagegen gerade in ihrer Offenheit eine Stärke. Künstlerische Forschung könne dort Erkenntnisse ermöglichen, wo Sprache, Statistik oder klassische Methodik an ihre Grenzen stoßen. Vielleicht liegt genau darin ihre eigentliche Bedeutung; nicht als Ersatz wissenschaftlicher Forschung, sondern als Erweiterung dessen, was wir überhaupt als Wissen verstehen.
Denn; genau an diesem Punkt wird die Debatte um Künstlerische Forschung besonders interessant.Sobald Kunst als Forschung auftreten will, stellt sich zwangsläufig die Frage: Welche Kriterien muss ein künstlerisches Forschungsprojekt erfüllen, um wissenschaftlich ernst genommen zu werden?
Die meisten Hochschulen und Förderinstitutionen verlangen heute, dass künstlerische Forschung zwar eigene Methoden haben darf, aber dennoch bestimmten wissenschaftlichen Standards genügt. Ein Projekt kann also experimentell, subjektiv oder ästhetisch sein — aber nicht beliebig.
Welche Voraussetzungen soll künstlerische Forschung erfüllen?
1. Eine klare Forschungsfrage
Ein ernstzunehmendes Forschungsprojekt beginnt mit einer erkenntnisorientierten Fragestellung. Sie muss nicht naturwissenschaftlich formuliert sein, aber sie sollte präzise genug sein, um den Forschungsprozess zu strukturieren.
Zum Beispiel:
- Wie verändert digitale Technologie unsere Wahrnehmung von Körperlichkeit?
- Welche Formen kollektiver Erinnerung entstehen durch Klang?
- Wie lassen sich ökologische Prozesse gestalterisch erfahrbar machen?
Erst wenn die Arbeit systematisch auf Erkenntnisgewinn ausgerichtet wird, spricht man von Forschung.
2. Methodische Reflexion
Künstlerische Forschung braucht eine nachvollziehbare Methodik. Das bedeutet nicht, dass sie standardisierte Experimente wie in der Physik durchführen muss.
Aber sie muss transparent belegen warum bestimmte Verfahren gewählt wurden, wie gearbeitet und welche Entscheidungen getroffen wurden und wie daraus Erkenntnisse entstehen.
Die Methode darf offen sein aber nicht unreflektiert bleiben.
3. Dokumentation und Nachvollziehbarkeit
Ein entscheidender wissenschaftlicher Standard ist Nachvollziehbarkeit. In der künstlerischen Forschung bedeutet das meist:
- Arbeitsprozesse dokumentieren,
- Skizzen, Iterationen und Entscheidungen offenlegen,
- Proben, Experimente oder Installationen archivieren,
- theoretische Kontexte benennen.
Andere müssen verstehen können, wie die Erkenntnisse entstanden sind — auch wenn sie das Ergebnis nicht exakt reproduzieren können.
Das unterscheidet Forschung von rein persönlichem Ausdruck.
4. Ein theoretischer Kontext
Künstlerische Forschung steht normalerweise im Dialog mit bestehendem Wissen. Deshalb gehört oft ein Bezug auf philosophische, ästhetische, wissenschaftliche oder gesellschaftliche Diskurse dazu.
Ein Projekt sollte zeigen welche Debatten existieren bereits? Woran knüpft die Arbeit an?
Was erweitert oder hinterfragt sie? Gerade hier unterscheidet sich professionelle künstlerische Forschung stark von bloß intuitiver Atelierarbeit.
5. Erkenntnisgewinn
Ein Forschungsprojekt muss neues Wissen oder neue Einsichten erzeugen. Das bedeutet nicht unbedingt „harte Fakten“. Erkenntnis kann auch sein eine neue Perspektive oder Methode, veränderte Wahrnehmung, neuer ein neuer Zugang zu einem Problem oder die Sichtbarmachung verborgener Zusammenhänge.
Entscheidend ist, dass das Projekt über reine Selbstexpression hinausgeht.
6. Kritische Selbstreflexion
Ein seriöses Projekt reflektiert auch seine Grenzen.
- Was kann die Methode leisten — und was nicht?
- Welche subjektiven Voraussetzungen prägen die Arbeit?
- Wo entstehen blinde Flecken?
- Welche ethischen Fragen ergeben sich?
Diese Selbstkritik ist ein wichtiger Teil wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit.
Die Spannung zwischen Kunst und Wissenschaft
Kunst lebt von Freiheit, Offenheit, Mehrdeutigkeit und Irritation. Während Wissenschaft Struktur, Argumentation und Transparenz verlangt. Künstlerische Forschung bewegt sich daher zwischen ästhetischer Freiheit und wissenschaftlicher Nachvollziehbarkeit.
Zu wenig Struktur, bzw. Methodik bringt keine oder nur wenig akademische Akzeptanz. Die überzeugendsten Projekte schaffen meist beides. Sie entwickeln eigenständige ästhetische Formen und können zugleich präzise erklären, welche Erkenntnisse sie erzeugen.
In vielen aktuellen Promotionsprogrammen gilt deshalb: Nicht nur das Kunstwerk selbst wird bewertet, sondern auch die Dokumentation, die methodische Reflexion, der theoretische Rahmen und der Beitrag zum Forschungsdiskurs. Das eigentliche Forschungsprojekt besteht also häufig aus einer Kombination von künstlerischer Praxis, schriftlicher Reflexion, Archivierung und theoretischer Einordnung.
So viel zum Thema künstlerische Forschung. Ein spannendes Feld! Sollten Sie noch Fragen dazu haben, nehmen Sie gerne Kontakt mit mir auf.

